Rede zur Lage der Nation

Ahoi Ihr Bambulisten,
mit dem Relaunch von White Trash wurde mir die unzweifelhafte Ehre übertragen unsere letzten Monate in relativer Freiheit durch eine Kolumne zu begleiten. Den Inhalt der letzten Folge möchte ich schon jetzt verraten: es wird eine Ausreiseempfehlung in einen nicht mit Deutschland kollaborierenden Staat sein.
Stirbt die alte Bundesrepublik?
Der in politischen Dingen leider nicht zuverlässige Jan Böhmermann stellte vor vielen Monaten fest, dass sich die alte deutsche Bundesrepublik derzeit häuten würde um Platz für ein neues Land zu machen. Seine durchaus treffende Feststellung machte er an so oberflächlichen Dingen wie der Schließung deutscher Traditionsmarken und Kaufhäuser, aber auch dem nicht ganz so banalen Sterben der alten Bonner Politikerelite fest. In der Tat: Kaufhalle zu, Schlecker geschlossen, Hertie weg, Kohl, Genscher, Späth, Geißler, von Weizsäcker – alle einfach tot.
Wer die deutsche Sache emotionsloser analysiert, weiß noch von einer zweiten, parallelen Entwicklung zu berichten, von der die einen sagen, dass sie ihren Anfang nach der Wende 1989/90 nahm, während andere die WM 2006 als Ausgangspunkt betrachten: dem Beginn der systematischen Etablierung der Regression in diesem Land. Von „Regression“ spricht man in der Psychologie um einen Rückfall in kindliche Verhaltensmuster zu beschreiben, während die politische Theorie dieselbe als „einen Rückfall in eine frühere Stufe des Denkens“ bezeichnet. Im Falle Deutschlands ist also leicht erklärt von welchem Rückfall da die Rede ist: dem Widererstarken der faschistischen Ideologie.
Vom Versuch, Massenmord in einem Glas voller Risse zu konservieren
Seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945 und der folgenden Entnazifizierungsbemühungen der Alliierten hatte es sehr wohl noch immer sowohl bekennende als auch aktive Nationalsozialisten sowie eine ordentliche Basis für rechtsnationales Gedankengut in der Bevölkerung gegeben, dennoch war man seitens deutscher Regierungen redlich bemüht einen anderen Eindruck zu erwecken. Der Kniefall von Warschau durch Brandt 1970 oder das Händchenhalten von Kohl und Mitterand 1984 in Verdun lieferten dringend benötigte Bilder, die der ganzen Welt signalisierten sollten, dass die Deutschen endlich verstanden hätten welches historische Verbrechen sie da einst begangen hatten. Wer die deutsche Sache aber emotionsloser analysiert, weiß zu den großartigen Gesten noch eine andere Geschichte zu erzählen. So gaben in einer 1970 durch den Spiegel durchgeführten Umfrage (1) kurz nach dem Kniefall Brandts 54% aller Befragten an die Geste als „vollkommen übertrieben“ zu empfinden. Helmut Kohl indes sorgte nach seinem durchinszenierten Auftritt auf dem Kriegsfriedhof in Verdun gleich selbst dafür, dass seine Versöhnungsgeste als mindestens weniger glaubwürdig empfunden wurde. Monate später fabulierte jener nämlich unter anderem vor dem israelischen Parlament von der „Gnade der späten Geburt“ und sprach so mal eben sich selbst und eine ganze Generation von der historischen Verantwortung für den Nationalsozialismus frei.
Das Kalkül ist leicht erklärt: der deutsche Massenmord sollte endlich in die Geschichtsbücher verbannt werden und diese für immer geschlossen werden. Nur so konnte Deutschland wieder zu wirtschaftlicher und politischer Macht gelangen.
Sexy Volksgemeinschaft anstatt nerviger Sozialrevolte
Fast Forward in das Jahr 2005. Die SPD unter Schröder hat die massivsten Aufweichungen des Sozialstaates in Form der Agenda 2010 nahezu komplett umgesetzt, weshalb prekäre, weil befristete und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse, sowie Hartz4 mittlerweile Alltag sind. Der daraus resultierenden wachsenden sozialen Spannungen und Unzufriedenheit setzt die deutsche Wirtschaft nunmehr in einer Kraftanstrengung die Mobilisierung der Volksgemeinschaft entgegen. Ab dem Nachmittag des 26. September 2005 versucht eine auf Facebook, im TV und auf Plakaten dauerpräsenten Identitätskampagne erstmals seit 1945 wieder das Nationalbewusstsein der Deutschen gezielt zu stärken: die von Bertelsmann (2) koordinierte „Du bist Deutschland“ – Kampagne.
Die WM als Katalysator: das nationale Coming Out
Bei der als „Sommermärchen“ verniedlichten, 2006 in Deutschland ausgetragenen Fußball – Weltmeisterschaft bricht sich dann endgültig Bahn was viele selbst in ihren schlimmsten Albträumen nicht wahrhaben wollten: der offen zur Schau gestellte deutsche Nationalismus schwillt zum nationalen Coming Out tausender Deutscher an. In Autofenster, Balkone, Fressen, Blumentöpfe und Schlüsselbänder werden deutsche Fahnen gehisst und gemalt, Adidas verkauft nur in diesem Jahr mehr als 1 Millionen Trikots. Da ist es wenig verwunderlich, dass man Störgeräusche gegen den nationalen Einheitstaumel wie etwa durch Charlotte Knobloch versucht möglichst nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. In einem Interview erklärte die Präsidentin des Zentralrats der Juden nämlich, dass sie sich zum damaligen Zeitpunkt „an das Jahr 1933 erinnert fühle“(3). Warum? Weil die NPD nicht nur im Osten in der Mitte der Gesellschaft angekommen war (4), ein Viertel aller Deutschen sich offen zu rechtsradikalen Positionen bekannten (5), der Afrika – Rat unter dem Titel „Zu Gast bei Feinden“ mit einer groß angelegten Informationskampagne People Of Color vor rassistischen Übergriffen warnt3 (6)(7) und ein Ex – Regierungssprecher eine Reisewarnung für Deutschland ausspricht (8).
Smells like Scheisse
Betrachtet man all diese Entwicklungen und vergleicht sie mit den gegenwärtigen politischen Verhältnissen zwischen verbreiteter Akzeptanz rechtsnationaler Positionen in breiten Bevölkerungsschichten und dessen logischer Exekutor in Form der AfD, salonfähigem Rassismus und einer mörderischen Abschiebungs- und Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wird sowas wie eine unheilvolle Entwicklung offenbar. Dessen Logik ist leicht erklärt: moralische Grenzen werden nicht eingerissen, sondern wegumarmt, erst dann offenbart man seine wahren Absichten. Der fleischgewordene, mit Smilies bemalte Wehrmachtshelm kennt viele Gesichter: Mal werden Migranten in einer Werbekampagne gezeigt die für deutschen Nationalstolz und Volksgemeinschaft wirbt, mal ist die Welt zu Gast bei Freunden damit auch Deutsche (so wie alle) Deutsche Fahnen schwingen dürfen. Schlaue Menschen kann man damit nicht gewinnen, Leute die aber schon lange auf ein grünes Signal im Bezug auf ihre Sympathie für rechte Ideen warten durchaus. Davon gibt es in Deutschland offensichtlich viele. Sehr viele.
Was Sie in der nächsten Folge erwartet
Mit größter Wahrscheinlichkeit werde ich die unheilvolle Geschichte weitererzählen die ich heute begann zu schildern. In späteren Teilen werden auch der Grinch, Gollum, Duweißtschonwer, der Schildkrötensupperich und Alfons der Viertel-vor-Zwölfte auftreten. Voraussichtlich gibt es Explosionen, Haus, mehrere und ja irgendwas halt auch. Schreiben Sie doch gerne mal ihren Kommentar über meine Ausführungen in die – richtig – Kommentare und liken Sie meinen Channel und geben ein Thumbs Up. Ach so, ist ja eine Website. Wer ist eigentlich White Trash? Ja, ansonsten muss ich morgen noch einkaufen und das verdammte Einschreiben von der Post holen. Vielleicht hole ich es auch nicht ab, weil dann erreicht mich die schlechte Nachricht nicht. Schlechte Nachrichten braucht niemand und nette Einschreiben gibt es nicht. Habe noch nie eine gute Nachricht per Einschreiben bekommen, obwohl es die Möglichkeit dazu durchaus gäbe! Yeah, also, bin dann draußen wie auf Bewährung. Behaltet den Verstand White Trasher. Behaltet den Verstand.

Zum Nachlesen:
1 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43822427.html
2 http://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/konzerne-im-dritten-reich-wie-deutsche-unternehmen-mit-ihrer-ns-zeit-umgehen/9949128.html?p=7&a=false&slp=false#image
3 https://www.focus.de/politik/deutschland/rechtsextremismus_aid_117979.html
4 http://www.zeit.de/2006/39/NPD
5 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremismus-in-der-mitte-angekommen-a-446805.html
6 https://www.heise.de/tp/features/Besondere-Vorsicht-im-Osten-3406551.html
7 http://www.spiegel.de/reise/aktuell/reisewarnung-zur-wm-ganz-ostdeutschland-ist-fuer-dunkelhaeutige-gefaehrlich-a-419957.html
8 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremismus-im-osten-du-jude-ein-ganz-normales-schimpfwort-a-442534.html

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